
Mal angenommen du bist Trainer einer Mannschaft, kannst zwischen einem soliden, disziplinierten Spieler und einem Spieler wählen, von dem man sagt, dass er einen schwierigen Charakter, aber auch außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt.
Für wen entscheidest du dich? Lieber auf Nummer sicher, oder?
Warum?
Weil er das friedliche Mannschaftsbild stärkt? Weil er sich leichter in der Mannschaft integriert? Weil er leichter zu berechnen ist? Weil er so agiert, wie du es gern hättest? Weil Ruhe angenehmer als Unruhe ist? Ganz schön ängstlich.
In den letzten Wochen begann ich die Bedeutung von Disziplin zu hinterfragen. Ehrlich gesagt, klang es für mich immer nach einer super Eigenschaft. Ich bewegte mich aber auch seit meiner Kindheit in Welten, in derer Disziplin und Gehorsam Grundvoraussetzungen sind, um erfolgreich zu werden. Zumindest bekam ich das fast tagtäglich injiziert.
1. das Einhalten von bestimmten Vorschriften, vorgeschriebenen Verhaltensregeln o. Ä.; das Sicheinfügen in die Ordnung einer Gruppe, einer Gemeinschaft
2. das Beherrschen des eigenen Willens, der eigenen Gefühle und Neigungen, um etwas zu erreichen
Wie sehr sich dieses Wort doch in zwei spaltet. Einmal im ehrgeizigen Ich und gegenüber im Musterschüler, der sich Hierarchien unterordnet und seine eigenen Interessen hintenanstellt. Das lässt sich aber auch hervorragend verbinden, wenn man sich unterordnet, um seine eigenen Ziele zu verfolgen. Birgt nur leider gewaltige Gefahren.
Zucht und Erziehung sind sehr eng miteinander verwoben. Man züchtete Nutztiere, dann begann man damit, Kinder zu Anstand und Sitten zu erziehen – Zucht und Ordnung eben. Dann hat man sie bald so, wie sie sein sollen.
Ganz schön undemokratisch, dafür, dass wir so viel auf Demokratie geben. Demokratisch würde nämlich bedeuten, wir respektieren das Anderssein, wollen es sogar - und fördern damit das Miteinander.
Wenn Familien schon nicht demokratisch organisiert sind, wie demokratisch kann es dann außerhalb der Familie sein?
Vor rund einem Jahr hörte ich einen Psychotherapeuten sagen: „Deutschland ist ein Erziehungscamp – jeder glaubt es für den anderen besser zu wissen“.
Das verstand ich mit jedem Tag besser. Angefangen bei der Erziehung der Kinder, über Bildungseinrichtungen oder der Arbeitswelt, bis zu politischen Meinungen.
Dieser Teil der Disziplin wirkt schon attraktiver, hat aber auch große Schattenseiten. Wenn es nämlich um Selbstbeherrschung (Herrschaft, also Kontrolle über etwas oder jemanden) geht, findet grundlegend schon mal ein innerer Zwist statt. Man arbeitet gegen sein Naturell und führt einen Krieg mit sich selbst. Mit seinen Gefühlen, möglichen Konsequenzen oder mit Menschen.
Du kannst Zeit, Geld, Energie, Beziehungen, Emotionen, deinen Körper oder deine Seele opfern, um an deinem Ziel zu arbeiten. Dafür zahlst du mitunter einen hohen Preis, wenn du zu verbissen an die Sache rangehst.
Sich anderen anzupassen oder sich selbst etwas zu zügeln, um ein höheres Ziel zu erreichen, ist natürlich nicht grundsätzlich schlecht. Meiner Erfahrung und Beobachtung nach, werden diese zwei Aspekte der Disziplin aber häufig viel zu extrem ausgelebt und führen dann letztendlich ins Nichts. Man kämpft und weiß am Ende gar nicht mehr wofür. Man schaut nur noch geradeaus. Und vergisst, was daneben liegt.
Auslöser dieser beiden Disziplinen ist Angst. Angst davor, dass man nicht alles unter Kontrolle hat. Angst davor, dass es nicht so laufen könnte, wie man es sich wünscht. Angst davor, was die anderen sagen. Angst vor der Ungewissheit, was die Zukunft bringt. Angst davor, nicht dazuzugehören.
Dabei kann man sich an den 6 Grundängsten der Menschen orientieren:
Es gibt noch weitere Grundformen der Angst, aber auf diese gehe ich zu einer anderen Zeit ein. Die meisten Ausweichmethoden lassen sich auf diese 6 Grundängste zurückführen. Das kannst du bei dir selbst oder bei anderen ziemlich leicht beobachten. Das fängt bei Kindern an, die nicht ausgegrenzt werden wollen und dadurch Sachen machen, die ihnen selbst nicht gefallen. Es gibt Beziehungen, die geheimgehalten werden, weil es Gegenwind geben könnte. Manche stehen nicht offen für ihre Meinung ein, aus Angst davor, ihren Job zu verlieren. Andere befürchten, von ihren Eltern, Partnern, Freunden oder Kollegen nicht mehr geliebt zu werden. Ich beobachtete sogar Menschen, die im Fitnessstudio mit Maske duschten, weil die Angst vor Krankheiten so stark wuchs.
Sie glauben, sie können nicht sie selbst sein.
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Da sind wir uns wahrscheinlich alle einig. Dennoch lassen wir uns von ihr kontrollieren. Sie trifft die Entscheidungen für uns.
Gemeinschaft ist gut und nützlich, aber wir wollen unsere Fähigkeiten darin vollständig entfalten, oder?
Natürlich brauchen wir gewisse Regeln, die uns Orientierung geben, aber über dieses kleine Grundgerüst hinaus, müssen wir uns in unseren Talenten, Passionen und Besonderheiten unterstützen.
Denn was begeistert uns wirklich? Absolute Gleichheit?
Nein. Im Gegenteil. Besonders begeistern uns die Dinge, die außergewöhnlich sind. Wir fühlen uns nicht inspiriert, weil jemand das Gleiche macht wie alle anderen. Mit dem Streben nach Einklang bekämpfen wir aber das Außergewöhnliche.
Das lässt sich beispielsweise schon daran beobachten, wie sich die Farben unserer Autos verändern:

Wenn heute jemand ein gelbes Auto fährt, wird er angeschaut als sei er außerirdisch. Oder bevor sich jemand ein gelbes Auto zulegt, fragt er sich, was man denn dann über ihn sage oder denke. Nicht mal ein Taxi ist gelb bei uns. Die sind auch nur noch schwarz, weiß oder grau. Viele Einrichtungsstile sind ebenfalls total grau und kalt geworden und werden dann als minimalistisch betitelt.
Steril. Farblos. Leblos.
Wenn du glaubst, dass das nichts mit uns anstellt, vergleiche mal, wie es sich anfühlt im Frühling oder im Winter vor einer Blumenwiese zu stehen. Die "Winterdepression" schlägt nicht nur durch Wetter und Temperatur zu.
Wenn ich aber von anderen erzogen werde, hat das nichts mit Freiheit zu tun. Wenn ich mich nur anpasse und mein Selbstsein dauerhaft hintenanstelle, gibt es nach einer gewissen Zeit nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich implodiere oder ich explodiere. In beiden Fällen bin ich der große Verlierer. Diese Entscheidungen trifft man selten bewusst, das habe ich hier schon kurz zusammengefasst.
Ich möchte Menschen den Rücken stärken und zu klarer Sicht verhelfen, dass sie ihrer eigenen Freiheit näher kommen. Ich hämmere niemandem meine Ideale in den Kopf, denn das würde komplett am Thema vorbeigehen.
Freiheit ist ein dehnbarer Begriff und er hat für dich eine andere Bedeutung als für mich. Das beste Miteinander können wir aufbauen, wenn wir unsere eigenen Freiheiten leben - und trotzdem vereint sind.
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